Stimmen zum Projekt

Stellungnahme zum Kunstprojekt "Kunst hält Wache" von Dr. Edith Raim

 Es gibt wenig Städte in Deutschland, die bezüglich der Zeithistorie geschichtsträchtiger sind als Landsberg: Ort der Hitler-Haft (1923/24), "Stadt der Jugend" (1937/1938), größter KZ-Außenlagerkomplex des KZ Dachau (1944/1945), Kriegsverbrecherprozesse (1946-1948) und Beginn neuen jüdischen Lebens im Displaced-Persons-Lager (1945-1950). Dies alles ist historisch mehrfach bearbeitet und detailliert dargelegt worden.

Umso begrüßenswerter ist es, diese allseits bekannten historischen Fakten zu Nationalsozialismus und Kriegsende zum Anlass zu nehmen,

sich künstlerisch damit zu befassen, um zeitgenössische Positionen zum Verdrängten und zum Erinnerten deutlich zu machen. Gerade in den letzten Jahren ist die "zweite Geschichte" der Hitler-Diktatur in den Fokus geraten, also die Überwindung und Nachgeschichte des Dritten Reiches mit den Verstrickungen der Protagonisten in Ereignisse oder auch Verbrechen ebenso wie ihre nahtlose Integration in die Gesellschaft der Nachkriegszeit. Die politischen und juristischen Mittel (Entnazifizierung, Gerichtsprozesse) waren Gegenstand zahlreicher Studien. Wie man sich künstlerisch mit dem Erbe der NS-Zeit auseinandersetzt, ist eine zentrale Frage für die gegenwärtige bundesdeutsche Gesellschaft. Hier sei auch auf die gegenwärtige Ausstellung "Tell me about yesterday tomorrow" im NS-Dokumentationszentrum in München hingewiesen, deren Gegenstand die künstlerische Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit ist und die sich künstlerisch mit Verdrängtem, mit Aufarbeitung und auch der Erinnerungsarbeit beschäftigt. Bei der "zweiten Geschichte" der NS-Diktatur geht es um langjährige Verdrängung der NS-Vergangenheit, aber auch um die Konfrontation mit ihr, um Instrumentalisierung des Gedenkens, aber auch um neue Initiativen zur Gestaltung von Mahnmalen und Gedenkstätten. Der von den Organisatoren ausgewählte authentische Ort bietet außerordentlich vielfältige Möglichkeiten, sich mit "Vergangenheitsbewältigung" ebenso wie der Frage nach 75 Jahren Frieden künstlerisch zu beschäftigen. Die auf dem Gelände kurz vor  Kriegs-beginn erbaute Munitionsfabrik ging nie in Produktion, aber die weitgehend im Original erhaltenen Räumlichkeiten erlauben eine Zeitreise, die

die Gegenwart mit der Vergangenheit verbindet. In der letzten Kriegsphase befand sich dort ein Kommando weiblicher KZ-Häftlinge. Für Jahrzehnte wurde das Areal von der Bundeswehr genützt und war daher der Öffentlichkeit nicht zugänglich. So sind schon die Gebäude selbst Zeugen ihrer Zeit und mahnende Ruinen. Die zeitlich begrenzte künstlerische Inbesitznahme bzw. Aneignung dieses in vieler Hinsicht mit Bedeutung aufgeladenen Raumes verspricht interessante Einsichten. Die Überreste des Zweiten Weltkrieges bilden ein architektonisches Erbe, das bis heute Historiker, Denkmalschützer, Architekten, Städteplaner und Künstler beschäftigt. Was ist ein adäquater Umgang mit diesen Überresten? Es gibt keinen künstlerisch geeigneteren Raum, um Stellung zu beziehen gegen die Radikalisierung und Verrohung der Gesellschaft und um eine

Auseinandersetzung mit NS-Erbe, Antisemitismus, Rassismus oder Menschenfeindlichkeit generell zu ermöglichen. Es geht hier nicht zuletzt darum, die Fragen, die wir an die Vergangenheit haben, für die Zukunft nutzbar zu machen. Ein künstlerischer Zugang eröffnet hierbei neue Perspektiven, die über die Wiederholung der bekannten historischen Fakten weit hinausgehen. Bei einer geplanten Gedenkstätte zu den Überresten der Dachauer KZ-Außenlager Kaufering wird ein Mahnmal zu Zwangsarbeit und Holocaust notwendig werden. Wie sollen Dokumentationen aussehen, welche Eingriffe und Veränderungen in Räume sind notwendig, wie sieht die Zukunft des Erinnerns aus?

Wie soll Leid visualisiert werden? Was geht uns diese Geschichte heute an? Welche Konsequenzen ziehen wir aus gegenwärtigen Menschenrechtsverletzungen? Diese Fragen ergeben sich zwangsläufig aus der Beschäftigung mit der Geschichte. Hier künstlerische Antworten zu finden oder neue Fragen zu entwickeln, ist ein großes Desiderat. Schon allein aus diesem Grund ist es zu befürworten, dass sich regionale Künstlerinnen und Künstler mit dieser Thematik beschäftigen. Der gewählte Zeitpunkt zum 75. Jahrestag des Kriegsendes ebenso wie die Wahl des

authentischen Ortes sind überzeugende Argumente. Die künstlerischen Vorhaben, die partizipativen und pädagogischen Elemente für Jugendliche ebenso wie die Verbindung mit der Präsentation des Veranstaltungsprojekts des Holocaust-Überlebenden Solly Ganor, der in den Kauferinger Außenlagern inhaftiert war, bilden eine schlüssige Kombination. Ich unterstütze daher mit besonderem Nachdruck die Bitte um Förderung dieses Kunstprojekts.

 

PD Dr. Edith Raim

 

 

Stellungnahme zum Kunstprojekt „Kunst hält Wache“ von Prof. Dr. Thomas Raff

 Das von dem Issinger Bildhauer und Installationskünstler Franz Hartmann initiierte Kunstprojekt „Kunst hält Wache. 75 Jahre Frieden – im eigenen Land“ ist in mehrerer Hinsicht beachtlich und begrüßenswert. Einerseits wird ein Industriedenkmal der besonderen Art im Landsberger Industrie-gebiet Frauenwald einer größeren Öffentlichkeit bekannt gemacht; andererseits werden regionale und überregionale Künstler angeregt, sich an diesem historischen Ort mit dem Thema „75 Jahre Frieden“ mit der deutlichen Einschränkung „– im eigenen Land“ zu beschäftigen. Beide Aspekte sind von großer Relevanz, wie im folgenden dargelegt werden soll.  

Die kurz vor Kriegsbeginn errichtete Munitionsfabrik, bestehend aus über 100 kleineren Gebäuden, ging zwar nie wirklich in Produktion, aber immerhin war dort zeitweise ein Kommando weiblicher KZ-Häftlinge untergebracht. Nach dem Krieg wurde die Anlage, wie manch andere

Rüstungsprojekte der Wehrmacht, von der Bundeswehr genutzt und blieb somit dem Blick der Öffentlichkeit entzogen. Seit 1998 ist das Gelände Eigentum der Stadt Landsberg am Lech, deren Kulturbüro das Kunstprojekt mit organisiert.

 Es ist wichtig, dass sich mit solchen historischen Zeugnissen nicht nur die Fachhistoriker beschäftigen, sondern dass die Auseinandersetzung mit dieser, wie sich immer wieder oder sogar immer mehr zeigt, prägenden Phase der deutschen Geschichte von möglichst breiten Teilen der Bevöl-kerung getragen wird. Die „Alte Wache“, das Eingangsgebäude zum ehemaligen Fabrikgelände, ist – ähnlich wie die „Topographie des Terrors“ in

Berlin – ein sehr geeigneter Ort, um sowohl an den Krieg (die geplante Munitionsfabrik) als auch an die seit 1945 in Deutschland herrschende

Friedenszeit (die bescheidenen Reste späterer Nutzungen) zu erinnern – eben „Kunst hält Wache“.

 Für das Projekt spricht auch sehr, dass sich Künstler aus dem engeren oder weiteren Umkreis zusammenfinden, um gemeinsam dort etwas auf die

Beine zu stellen. Der bildenden Kunst stehen ganz andere Möglichkeiten der Aneignung, des Zum-Sprechen-Bringens zur Verfügung als dem geschriebenen Wort – sei es des Fachhistorikers oder des Schriftstellers. Engagierte Kunst soll nicht in erster Linie informieren und dokumentieren, sondern aufrütteln, nachdenklich werden lassen, Emotionen wecken. Franz Hartmann und mehrere der beteiligten Künstler haben bereits letztes Jahr bei der Aktion „Kunst geht baden“ im ehemaligen Warmbad Greifenberg gezeigt, wie kreativ sie mit „abgelegter“ Architektur umzugehen vermögen.  

Durch den Ausstellungstitel wird angedeutet, dass der 75-jährige Frieden seit 1945 leider kein weltweites Phänomen ist, sondern dass wir froh

und dankbar sein müssen, dies wenigstens im eigene Land genießen zu dürfen. Frieden ist aber – ähnlich wie Demokratie – kein von selbst bestehen bleibender Zustand, sondern immer ein zu pflegender, zu schützender und zu gestaltender Prozess. Wenn man sich die Entwicklung der Demokratien, auch des westlichen Bündnisses, und die Labilität des internationalen Friedens anschaut, dann erhält das Projekt „Kunst hält Wache“ eine geradezu erschreckende Aktualität.

 

Dieses Kunstprojekt verdient meiner Meinung nach jede öffentliche Förderung.

  

München, 16. Februar 2020 Prof. Dr. Thomas Raff, Kunsthistoriker

 

Stellungnahme zum Kunstprojekt„Kunst hält Wache“ von Dr. Frank Sauer

Anlass für das Kunst- und Kulturprojekt „Kunst hält Wache“ sind 75 Jahre Frieden im eigenen Land. Nicht nur für Kunstschaffende, sondern für uns als deutsche Gesellschaft insgesamt ist dies ein guter Anlass, sowohl einen Blick zurück als auch nach vorne zu werfen. Denn die vierte industrielle Revolution ist gerade im Begriff, das Verhältnis zwischen Menschen und Maschinen grundlegend zu verändern. Kaum ein Lebensbereich wird unberührt bleiben.Auch das Militär wird transformiert. So nutzen Streitkräfte auf der ganzen Welt bereits heute Technologien aus dem Feld der Künstlichen Intelligenz (KI), um etwa Logistik oder Krisenfrüherkennung zu verbessern. Doch auch in der Waffentechnologie hält die KI Einzug. Viele WissenschaftlerInnen und RepräsentantInnen der Zivilgesellschaft sowie vonTechnologieunternehmen warnen vor diesem Hintergrund schon seit einigen Jahren vor einem gefährlichen Paradigmenwechsel in der Kriegsführung, sollte die „Autonomie“ in Waffensystemen unreguliert weiter zunehmen.Waffensysteme gelten als autonom, wenn sie nach ihrer Aktivierung den gesamten Prozess der Zielbekämpfung ohne menschliche Kontrolle durchlaufen, also Ziele softwaregesteuert finden, verfolgen, auswählen und bekämpfen.Autonomie – oder Automatisierung – in Waffensystemen ist nicht gänzlich neu. Sie ist auch nicht zwangsläufig problematisch. Schon seit Jahrzehnten werden Verteidigungssysteme eingesetzt, die anfliegende Munition unter Zeitdruck ohne menschliches Zutun bekämpfen können. Diese Schutz bietende Praxis der autonomen Munitionsabwehr warf bisher – und wirft auch weiterhin – keine völkerrechtlichen und ethischen sowie kaum sicherheitspolitische Bedenken auf. Demgegenüber wird flächendeckend und unreguliert eingeführte Waffenautonomie, die nicht dem Zweck der Munitionsabwehr dient, von gravierenden Risiken für Frieden und Stabilität begleitet. Dazu zählen unter anderem: (1) die Eskalation von durch Menschen nicht mehr kontrollierbaren Gefechtsabläufen in Maschinengeschwindigkeit; (2) die Aushöhlung grundlegender Prinzipien des Völkerrechts; (3) die Verletzung der Menschenwürde. Letzteres wiegt nicht zuletzt im Lichte von Art. 1 Abs. 1 des deutschen Grundgesetzes enorm schwer, denn das Töten mit autonomen Waffen reduziert Menschen auf Objekte, deren Sterben, entkoppelt von menschlichen Urteilen, Entscheidungen und Gewissensnöten, maschinell nur noch „abgearbeitet“ wird.Simon Weckerts Installation „Zapfenstreich (Human-out-of-the-loop)” steht stellvertretend für die nahezu unbegrenzte Nutzungsvielfalt der Künstlichen Intelligenz. Es muss uns gelingen, ihreAnwendung zum Wohle der Menschheit und zur Förderung des Friedens zu gestalten. Auf Ebene der Vereinten Nationen laufen so auch bereits seit sechs Jahren Gespräche über Autonomie in Waffensystemen – leider mit bisher wenig konkreten Ergebnissen. Die Geschichte hält zahlreiche – schmerzhafte – Lehren bereit für Bereiche, in denen man sich erst(zu) spät auf Regeln und Verbote einigen konnte. Man denke etwa an die Ächtung von biologischenund chemischen Waffen oder Antipersonenminen. Es gilt, aus der Geschichte zu lernen und mit Blick auf die neuen Technologien diesmal politisch vorausschauender und entschlossener zu handeln.

 

Dr. Frank Sauer, München, 04.03.2020


Stadt Landsberg am Lech | Katharinenstraße 1 | 86899 Landsberg am Lech | www.landsberg.de

Sponsored by

Mit freundlicher Unterstützung

Firma Krehle, Landsberg am Lech

 

Münchener Fahrgastfernsehen


Dieses Projekt wird gefördert von